Der Swiss Alpine Irontrail T 88 am 28.7.18 2

Der Swiss Alpine Irontrail T 88 am 28.7.18

Schon Anfang des Jahres legten Martin und ich fest: Wir wagen ein großes Abenteuer und laufen den neu aufgelegten T88 von St. Moritz nach Davos, der auf den bisherigen K78 folgen sollte. 88 Kilometer mit fast 4000 Höhenmetern. Was für ein Brett! Aber nach meinem Schicksalsjahr 2017 und dem erfolgreichen Kampf gegen den Krebs war ich voller Lebenslust und Tatendrang. Irgendwie verlief die Saison 2018 aber sehr holprig: Grippe im Frühling, Hamburg Marathon mit Schwierigkeiten, aber dann ein grandioser Sieg beim Ultratrail in Wiesbaden über 50 Kilometer, bei dem ich nicht nur alle Frauen, sondern auch alle Männer hinter mir lies. Es folgte allerdings noch mal eine Durststrecke, weil mir Wiesbaden lange in den Knochen steckte, aber rechtzeitig vor dem großen Tag X nahm ich die Zügel wieder auf und habe noch mal richtig schön trainiert. Drei Wochen à 120-Lauf-Kilometer mit ordentlich Qualität und eine Woche mondänes Tapering am Comer See. Ich gebe zu: 5-Sterne-Küche samt Alkohol ist nicht optimal in so einer Woche vor dem Rennen. Trotzdem: Ich hatte richtig Lust auf den Lauf, war gesund, schmerzfrei, motiviert…

 

Bin Donnerstag schon nach Davos gereist und Samstag dann mutig losgelaufen. Martin, der im Vorfeld seine komplette Teilnahme aufgrund von Verletzungen schon zurückgezogen hatte, hat mich auf den ersten flachen sieben Kilometern begleitet. Mein Magen hat bereits Probleme gemacht, aber die Beine waren gut. Erster Anstieg wie vorgenommen im gehenden Stechschritt. Gut hochgekommen, aber der Magen machte weiter Zicken. Hab sehr viel Wasser getrunken, essen wollte ich nix, weil mir schlecht war. Erster Downhill: Für meine Verhältnisse ganz gut runter gekommen, aber dann im Flachen bereits gedacht, dass ich schon ganz schön wackelige Beine hab. Au weia… nicht mal 20 Kilometer durch.

 

Die Flachpassage rüber nach Samedan war prima und die Stimmung stieg, vor allem als ich Martin dort stehen sah. Später sagte er mir, er hätte mir da schon angesehen, dass ich nicht finishen werde. Ich hätte gar nicht gut ausgesehen. Ich war zu der Zeit allerdings mutig und fest entschlossen. Auf zum nächsten Anstieg, aber davor dreimal in die Büsche, um den nervigen Magen endlich leer zu bekommen. Übergeben wäre fein gewesen. Einmal alles raus, um wieder neu auffüllen zu können. Der zweite Anstieg war ein Killer. Boah, so steil, so lang. Oben völlig fertig mit der Welt, aber die Welt war super schön da! Sehr technischer Downhill, der aber immer flacher und laufbarer wurde und plötzlich bekam ich gute Laune. Ich flog an sämtlichen Mitläufern vorbei und dachte zum ersten Mal: Es macht ja doch Spaß! Das war ungefähr bei Kilometer 35. Dieser Spaß dauerte vielleicht fünf Kilometer an. Ich habe gegrinst, die Landschaft genossen, mich auf die zweite Hälfte des Rennens gefreut und gedacht: Das schaffe ich. Es wird lang, aber das schaffe ich. Hab ja noch den ganzen Tag und die ganze Nacht Zeit.

 

Bei Bergün hatte ich ein neues Paar Schuhe und eine richtige Regenjacke deponiert. Es begann zu tröpfeln und ich freute mich auf Bergün. Und freut mich und freute mich… aber es kam nicht. Mein GARMIN zeigte wegen des Ultra-Track-Modus völligen Blödsinn an und war schon bei KM 50, dabei hatte ich nicht mal 45 Kilometer hinter mir. Die Euphorie wurde von schmerzenden Beinen und einem immer lauter quengelnden Magen verdrängt. Endlich Bergün. Hier kann man aussteigen und kommt in eine Zwischenwertung. Martin stand da. Ach, wie schön! Ich wechselte Schuhe, trank Brühe und sprach mich mit Martin ab, dass es nicht weiter regnen würde… also ließ ich die gute Jacke da und stürzte mich tapfer in den dritten Anstieg. Völlig überdreht quasselte ich einen Schweden voll, wie stolz ich auf mich bin, dass ich nicht ausgestiegen bin, dass ich finishen werden, dass das toll ist hier! Es ging über eine stinklangweilige Forststraße satte 1000 Höhenmeter rauf. Nonstop. In der Sonne. Ich stapfte und schnaufte, blieb aber im Rhythmus und ließ nicht locker. Oben angekommen öffnete sich ein toller Trail, der zwar etwas technisch war, sich aber sanft bergab zog. Hier hätte man fliegen können. Ich ging. Ich litt. Ich wimmerte vor mich hin. Mir war schlecht, ich war völlig fertig und mir wurde kalt. Ich brauchte da oben für fünf Kilometer 90 Minuten, obwohl es kein schweres Stück war. Alle fünf Kilometer stand ein Schild, wie weit es noch ist. Auf den GARMIN konnte ich mich ja schon lange nicht mehr verlassen. Noch 35… weiter… immer weiter… noch 30… ich kann nicht mehr… ich kann nicht mehr… nie wieder mache ich sowas… ich kann nicht mehr… nie wieder… ich kann nicht mehr…! So ging es dahin mit mir.

 

Ich sah in der Ferne die kleine Verpflegungsstelle und der Ruf in mir, das Rennen dort zu beenden, wurde immer lauter, der Gedanke immer klarer. Es geht nicht mehr. Ich kam dort an und sank nieder. Brach in Tränen aus. Heulte, schluchzte, konnte weder das Wasser trinken, was man mir reichte, noch von dem Riegel abbeißen. Mir war kotzübel. Mir war kalt. Dunkle Wolken am Himmel und noch 800 Höhenmeter Aufstieg vor mir hoch zur Keschhütte, bevor dann die finalen 20 Kilometer zurück nach Davos folgen würden. Ich rechnete: Wenn ich so weiter mache, wie bisher, dann brauche ich für den Aufstieg gute zwei Stunden, eher mehr. Dann mindestens noch mal zwei Stunden für den Abstieg, aber den müsste ich dann im Sechserschnitt laufen, also eher noch drei weitere Stunden ab Keschhütte… macht in Summe irgendwas zwischen fünf und sechs weiteren Stunden. In meinem Zustand. No way!!! Ist es nachvollziehbar, dass ich in diesem Moment gesagt habe: „Ich höre auf. Es macht keinen Sinn!“? Sonni war geschlagen.

 

Und ich hatte so viel Glück auf dem Weg nach Hause, dass ich glaube, es sollte so sein. Der Schweizer Veranstalter kümmert sich nicht um Aussteiger. Von der Keschhütte hätte ich wahrscheinlich noch schwieriger den Weg ins Tal gefunden. Erst nahm mich ein Bauer im Jeep mit von der Verpflegungsstelle in ein Bergdorf. Dort hatte ich Glück, denn ein altes Ehepaar saß da bei einer Tasse Tee und bat an, mich runter zum Bahnhof zu fahren. Vorher bekam ich selbst noch einen heißen Tee spendiert und viele Gründe genannt, warum solche Rennen Blödsinn sind. Es schüttete inzwischen und ich dachte an meine Regenjacke, die in Bergün lag.

 

Endlich war ich im Tal und schließlich im Zug und zwei Stunden nach meiner Entscheidung, das Rennen zu beenden, nahm mich mein Mann in Davos am Bahnhof in den Arm und war einfach nur glücklich, dass ich gesund bei ihm war. Er hatte sich Sorgen gemacht und ich hatte einmal mehr das Gefühl, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

 

Erst tat es weh. Bin ich zu schwach für solche Läufe? Habe ich zu wenig Berg trainiert? Warum machte mein Magen nicht mit? Warum können andere Läufer, die im Flachen viel langsamer sind, als ich es bin, solche Touren bewerkstelligen und mir bricht es das Genick? Habe ich zu viel gewollt, zu wenig trainiert, das Jahr 2017 noch nicht verkraftet?

 

Mit ein paar Tagen Abstand bin ich klüger… und krank. Habe einen dicken Infekt und bin mir mittlerweile fast sicher, dass der mir schon am Samstag in den Knochen steckte. Ich bereue nichts und lerne. Für mich und für all diejenigen, die ich beim Laufen begleiten und coachen darf. Während ich verschnupft auf dem Sofa liege, frage ich mich, warum wir eigentlich solche Sachen machen. Wem wollen wir was beweisen, wenn wir an unsere Grenzen ran laufen, uns quälen, uns pushen, etwas tun, was eigentlich gar nicht unserer genetischen Programmierung entspricht. Denn der Mensch ist darauf gepolt, seine Energie zu sparen, sich fortzupflanzen und Nahrung aufzunehmen. Ein freiwilliger Lauf in den Bergen über mehrere Stunden, vielleicht sogar Tage, ist nicht unbedingt das, was wir zum Überleben in der Neuzeit brauchen. Es geht uns scheinbar zu gut und wir haben wohl keine anderen Sorgen in unserem Leben! Ich hätte vielleicht die körperliche Kapazität gehabt, acht Kinder auf die Welt zu bringen. Ich habe aber nur eins. Daher möchte ich meine Energie wohl in solch wahnwitzigen Läufen loswerden. Und dann reicht irgendwann der Marathon auch nicht mehr, dann muss es ein Ultralauf sein. Und weil flach ja langweilig ist, werden noch ordentlich Höhenmeter mit reingepackt. In den sozialen Medien lesen wir permanent von Superlativen und je höher, je härter, je weiter, je mehr Likes?! Gefühlt ist jeder dritte Läufer schon mal über die Alpen gerannt und ein Marathon ist das Mindestes, was es vorzuweisen gilt, wenn man mitreden will. Dislike!

 

Das klingt jetzt alles negativ und kritisch, ich weiß. So ist das halt, wenn man mit DNF in der Ergebnisliste steht und der Schnupfen zusätzlich schlechte Laune macht. Ich habe aber auch schon erfolgreich Läufe hinter mich gebracht und dann waren meine Gedanken nicht ganz so düster und grantig. Die wiegen im Endeffekt für mich viel schwerer, diese Läufe, bei denen ich über mich hinausgewachsen und quasi geflogen bin. Dann bin ich im Anschluss wochenlang mit einem Grinsen durch mein Leben geschwebt, habe das Laufen geliebt und gelobt, und habe im gewöhnlichen Alltag mit Leichtigkeit plötzlich Dinge geschafft und erledigt, die sonst wie ein Monsterberg vor mir liegen. Und genau das wünsche ich jedem Läufer, ob mit Wettkampfziel oder ohne: Sowohl das Training, wie auch der Wettkampf, ob es ein 5-Kilometer-Rennen oder die Durchquerung der Wüste Gobi ist, sollen am Ende mehr Energie spenden, als sie nehmen. Klar, im Training ist man manchmal platt, müde, ausgelaugt, aber die Energie kommt ja zurück, man wird stärker, robuster, selbstbewusster. Ist nicht der Weg das Ziel? Sind nicht die regelmäßigen Runden, die wir drehen, die eigentlichen Glücksoasen unseres Lebens? Aber klar, so ein Rennen kann den Extra-Kick bringen. Und wenn es dann im Rennen läuft und man seine Kraft spürt, werden Gefühle breit, die keine Musik, kein Gedicht, kein Gemälde, kein Gericht, keine Schönheit dieser Welt gleichermaßen wachrufen können. Aus dem tiefsten Inneren wird man strahlen und leben und laufen und Glück empfinden, denn der Läufer ist es ganz alleine, der mit zwei gesunden Beinen diese Leistung bringt.

 

Niemand muss laufen oder irgendwelche wahnwitzigen Läufe machen. Aber wir können! Und wenn wir es tun, dann ist es wie ein kleiner Schatz, den wir finden, den wir in unser kleines Schatzkästchen des Lebens legen dürfen, den uns keiner mehr wegnimmt. Ich bleibe weiter auf Schatzsuche! Unser Leben ist ein großer Spielplatz und ich habe für mich entscheiden, einen Abenteuerspielplatz draus zu machen.

 

 

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