Der New York City Marathon 2017

Die emotionale Aufarbeitung des Jahres 2017

Pic by Norbert Wilhelmi
Pic by Norbert Wilhelmi

„It will move you.“ – was für ein passendes Motto für den diesjährigen New York City Marathon 2017. Ich brauche dringend etwas Bewegung. Nein, nicht körperlich, sondern seelisch. Zum ersten Mal in meinem Leben stecke ich in einem dunkeln Loch fest und finde den Weg nicht hinaus. Nach dem erfolgreichen 73-Kilometer-Rennsteig-Supermarathon im Mai bin ich in Biel angetreten, um erstmals einen 100-Kilometer-Lauf zu bestreiten, aber nach 38 Kilometern steige ich dort aus, weil mein Körper mir seltsame Signale schickt. Kurze Zeit später erhalte ich eine Krebsdiagnose. Ein Chorionkarzinom hat sich bei mir im Gewebe einer fehlangelegten Schwangerschaft entwickelt und ich verstehe die Welt nicht mehr. Wie kann ich trotz Verhütung schwanger werden und warum wird daraus ein Tumor, der droht weitere Organe meines Körpers zu befallen? Gott sei Dank bin ich schneller als der Krebs, und noch bevor er sich ausbreiten kann, ist er auch schon rausoperiert. Die anschließende Chemotherapie stellt sicher, dass sich keine gefährlichen Krebszellen mehr im Organismus verstecken und ich begleite diese Therapie mit meinem persönlichen Laufprogramm: STREAK TILL HEALTH! Ich laufe bis zur vollständigen Genesung jeden Tag und sei es nur eine Meile. Der tägliche Sport bewahrt mich nicht nur vor der körperlichen Kapitulation, er sorgt vor allem dafür, dass ich nach vorne schaue und positiv bleibe. Ich besiege den Krebs und gönne mir im September und Oktober eine Auszeit, in der ich beruflich keine neuen Projekte annehme. Diese Auszeit wird allerdings durch einen Knall unterbrochen: Mein 16jähriger Sohn verliert bei einem Unfall für immer die Endglieder vom rechten Zeige- und Mittelfinger. Jede Mutter kennt das Glücksgefühl, wenn sie unmittelbar nach der Geburt ihres Babys dessen zehn Fingerlein zählt und Dankbarkeit ihren Körper durchströmt. Der Schmerz, welchen ich empfinde, wenn ich meinem Felix auf die Hände schaue, erschüttert mich in meinen Grundfesten. Es reicht der bloße Gedanke an diese schreckliche Tatsache und ich habe Tränen in den Augen. Obwohl ich weiß, dass alles hätte viel schlimmer kommen können, befinde ich mich in einem Tal der Traurigkeit und bin wie gefangen in düsteren Gedanken. Einzig beim Laufen vergesse ich für einen Augenblick, dass mein Lebensmut abhandengekommen ist. Ich laufe viel, ich umrunde mal wieder den Starnberger See mit seinen 48 wunderschönen Kilometern, ich mache Tempoläufe auf der Bahn und staune über die guten Zeiten nach der Erkrankung, aber mental sehr nachhaltig sind all diese Trainingsläufe nicht. Mit dicker Sorgenfalte auf der Stirn fliege ich am 31. Oktober in den „Big Apple“ und frage mich, was dort wohl mit mir passieren wird.

 

Die Stadt ist laut, voller Menschen, voller Leben, voller Energie, aber sie berührt mich nicht. Im Gegenteil: Ich umrunde nach meiner Ankunft „Lower Manhattan“ im Laufschritt und finde es furchtbar. Ich will weiter meinen Trübsal blasen und nichts mit all dem hier zu tun haben. Mein Mann Martin hat beruflich einige Tage in New York zu tun und ich habe Zeit. Zeit zum Ankommen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Nichtstun. Und plötzlich spüre ich, wie es mich mitnimmt. Ich weiß nicht mehr genau, ob es auf der Marathonmesse anfing oder beim Biertrinken im Pub, ob es beim Shoppen war oder beim Anblick der immer mehr werdenden Läufer, aber plötzlich habe ich ein Grinsen im Gesicht und bekomme Lust auf Marathon.

 

5. November 2017: Martin und ich begeben uns um 5:00 Uhr zum Bus, der uns raus nach Staten Island bringt. Es dauert ewig, bis wir an der Startlinie des New York Marathons stehen, aber es ist niemals langweilig. Wir sehen so viele Menschen, die den gleichen Sport lieben wie wir. Und los…! Wir stehen relativ weit vorne beim Startschuss und rennen mit der Masse die erste Brücke hinauf. Irgendwie bin ich noch gar nicht so richtig im Rennen und fühle mich eher wie ein Beobachter von außen. Viele Läufer auf New Yorker Brücker. Das Bild kennt man. Ich betrachte es und realisiere: „Du bist mittendrin, Sonja! Komm, mach mit. Lauf! It is moving you. Right now.“ Martin und ich hatten uns im Vorfeld nichts Konkretes vorgenommen. Wir wollten den Lauf genießen, vielleicht im Fünferschnitt oder so… Wir laufen 4.30er Tempo und schneller. Meine Uhr piepst bei jedem Kilometer und ich sage Martin immer wieder die Zwischenzeiten, aber er bleibt von der schnellen Pace unbeeindruckt und läuft eher einen Schritt vor mir, als hinter mir. Na gut, dann rennen wir eben flott… Ich fühle mich mit jedem Kilometer besser und nach dem ersten Drittel bin ich voll drin im Rennen. Ich feiere das grandiose Publikum, klatsche jede Menge Kinderhände ab, singe Songs der Straßenbands mit und grinse wie ein Honigkuchenpferd. Wir passieren die Halbmarathonmarke in 1:35h und dahinter steht der Fotograf Norbert Wilhelmi und hält diesen Gute-Laune-Augenblick für uns im Bild fest.

Kurze Zeit später sehe ich meinem Martin an, dass er kämpft. Seine Hüfte schmerzt und er hat nicht den gleichen Spaß, den ich gerade empfinde. Er schubst mich nach vorne und sagt: „Lauf! Mach Dein Ding. Du bist so gut drauf, aber ich muss eine Gehpause machen.“ Nein! Auf keinen Fall werde ich hier und jetzt nach vorne wegrennen, um Martin seinem Kampf alleine zu überlassen. Wofür? Für eine gequälte 3:12h? Darum geht es doch heute gar nicht. Hier geht es um uns, um unsere Liebe, um unser Leben, um unsere gemeinsame Freude am Laufen. Wir gehen ein paar Schritte und dann laufen wir wieder. Auf der First Avenue überholen uns Läufer, viele Läuferinnen, wow, so viele fitte Frauen, ich bin begeistert, sogar der Promi Vito Schnabel läuft an uns vorbei, den ich morgens im Startbereich schon mal ganz aufgeregt ausgemacht hatte, aber all das ist nicht wichtig in diesem Moment. Wichtig ist, dass mein Martin im Rennen bleibt. Er hat Schmerzen und wenig Spaß, aber er ist so tapfer. Wenn wir laufen, dann zeigt mein GARMIN den Kilometer in 5:20 min/km an und ich staune, denn es kommt mir viel langsamer vor. Das Publikum ist großartig: Trotz Nieselregen werden wir permanent angefeuert, es wird getanzt, geklatscht, gerufen und niemand kommt bei dieser Stimmung in die Versuchung, dieses Rennen vorzeitig zu beenden. Weder Martin, noch ich, noch einer der anderen Läufer mit sichtbaren Problemen. Obwohl ich schon viele Marathons erleben durfte, New York ist tatsächlich einzigartig, was den Support von außen betrifft. Die letzten Kilometer führen durch den beeindruckenden Central Park und kurz vor Schluss drehen die Zuschauer noch mal so richtig auf. Noch 800 Meter, noch 400 Meter, noch 200 Meter und dann erreichen wir das Ziel nach 3 Stunden und 32 Minuten.

 

Martin und ich liegen uns weinend im Arm und die Zeit steht still. Was für ein Lauf, was für ein Jahr, was für Emotionen. Das Miteinander in diesem Augenblick ist größer als alles, was ich bisher empfunden habe. Ich war so egoistisch in den letzten Monaten. Immer ging es nur um mich, um meine Gesundheit, um mein Kind, um meine Trauer, um mein Leben, aber diese Gefühle haben mich in eine dunkle Sackgasse geführt. Mit einem anderen Menschen gemeinsam ein Stück des Weges zu gehen, dessen Schmerz zu teilen und dessen Leid zu tragen, dessen Liebe zu spüren und dessen Zukunft zu sehen, das ist das, was uns weiterbringt, wenn wir selbst keine Perspektive sehen. Sich selbst nicht immer so wichtig zu nehmen, lässt uns zu einem wichtigen Menschen werden.

 

Laufen ist mein Beruf und ich habe es in den letzten Monaten auch deshalb nicht vernachlässigt. Ich kann meinen Athleten nur dann gute Ratschläge geben, wenn ich selbst aktive Läuferin bin, egal auf welchem Niveau. Auch darum laufe ich. Der New York Marathon hat mir allerdings mal wieder gezeigt, dass das Laufen meine Leidenschaft ist. Mit jedem Kilometer bin ich meinem verloren geglaubten Frohsinn, meiner guten Laune und meiner Lebenslust entgegengelaufen. Der Zieleinlauf beim New York Marathon hat mir Kraft gegeben und das stolze Tragen der Finisher-Medaille am Tag danach erinnert mich daran, wie wichtig es ist, im Leben einfach mit dem weiter zu machen, was einem guttut. Laufen. Ist. Die. Beste. Lösung. Nicht nur für mich. Da bin ich mir ganz sicher!

 

Pic by Norbert Wilhelmi
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Kommentare: 18
  • #1

    Dr. Anita Stangl (Dienstag, 07 November 2017 12:42)

    Liebe Sonja, ganz großartiger Bericht! Vielen Dank für den rechten Blick auf die Dinge!
    Herzliche Grüße Anita

  • #2

    Nicole Sassenberger-Peters (Dienstag, 07 November 2017 14:56)

    Liebe Sonja, dein Bericht hat mich sehr berührt!! Ich kann mich nur Anita Stangl anschließen, vielen Dank für den rechten Blick auf die Dinge! Herzliche Grüße Nicole

  • #3

    Christoph Zimmermann (Dienstag, 07 November 2017 15:25)

    Hoi Sonni
    Wunderschön geschrieben und ja, es geht nicht nur immer um Leistung und Zeit.
    Mein Flüge Richtung Algarve sind übrigens gebucht.
    Christoph

  • #4

    Marcus Conrad (Dienstag, 07 November 2017 16:23)

    Liebe Sonja,

    das liest sich einfach nur toll. Ihr seid ein so geniales Team und habt es mit diesem Lauf in Stein gemeißelt. Man kann so jede Krise überwinden und den positiven Spirit des Laufens nutzen um nach vorn zu blicken und stets selbstbewusst zu bleiben. Dies habe ich jenseits von allen Bestzeiten bereits von Dir gelernt. Ich bin stolz dein Athlet zu sein und freue mich auf die nächsten Projekte mit Dir. 2017 wird jetzt auch für Dich in positiver Erinnerung bleiben!

    #esistimmerzufrühumaufzugeben

    Gruß Marcus

    *Running Rabbits*

  • #5

    Marion Raabe (Dienstag, 07 November 2017 18:11)

    Liebe Sonja, ein bewegender Bericht über Dein Jahr 2017 und Euren NYC Marathon.
    Du bist eine großartige Kämpferin und tolle Frau!
    LG Marion

  • #6

    Lindsey Fairhurst (Dienstag, 07 November 2017 18:45)

    A most moving account of your current year. You are extremely talented in your "job" and have the great ability to put whatever moves you into writing; it always touches a chord with me. You are the best!
    Lindsey

  • #7

    Beate Bonnaire (Dienstag, 07 November 2017 21:56)

    Es ist ein Glück, wenn man erkennen kann in welchem Moment was wichtig ist. Das ist - so einfach das scheint - sehr schwer. Wenn man das richtige Handeln erkannt und gemacht hat, ist das Glück und verlässt einen nicht. Es macht dich stark, auch wenn es für Außenstehende vielleicht nicht beeindruckend aussieht. Irgendwann sind wir alle schwach und klein und es gibt nichts schöneres, wenn man dann nicht alleine ist. Für den, der einen dann begleitet hat ist das eine Lebensfreudenversucherung. Darein zu investieren lohnt auf jeden Fall! Ich drücke dich!

  • #8

    Maurice (Mittwoch, 08 November 2017 09:43)

    Herzlichen Glückwunsch!

  • #9

    Marion Braun (Mittwoch, 08 November 2017 11:53)

    Liebe Sonni,
    was für schöne Worte! Das hat mich sehr berührt!�

  • #10

    Guido Lange (Donnerstag, 09 November 2017 15:42)

    Wow, liebe Sonni, was für ein Beitrag, welche Emotionen, wie toll, daß Du da durchkommst.
    Gänsehaut und stetes Nicken, so ist es!
    Everytime a good run, Guido

  • #11

    Birgit Neumann (Freitag, 10 November 2017 12:22)

    Liebe Sonja, auf eine ganz nahe, persönliche und bewegende Weise beschreibst Du, dass das Beste, was wir haben, das Leben selbst ist.

    Unser Leben, das sind unsere Abenteuer, unsere Liebsten, unsere Schicksalsschläge, unser Glück, unsere Leidenschaften, unser Mitgefühl, unser Teamgeist, unser Grinsen, unsere Tränen, unsere Freude, unser Kampf, unsere Begeisterung. Alles gehört dazu und macht es so einzigartig, besonders und wertvoll. Danke, dass Du uns daran teilhaben lässt.

    Du wirst nie aufhören zu laufen :-) Und immer wieder grinsen! Von einem Ohr bis zum anderen.

    Birgit

  • #12

    Tante Lorle (Samstag, 11 November 2017 16:44)

    Liebste Sonni, dein Bericht hat mir Tränen in die Augen gedrückt. Ich sehe kaum die Buchstaben. Ich drück dich ganz fest und bewundere deine kämpferische Leistung, seelisch sowie körperlich. �Ich freue mich, dass du wieder Frieden mit dir gefunden hast. Mach weiter so. Ich hab dich ganz doll lieb. Bussi, auch für Martin, deine T. Lorle ❤️���♥️

  • #13

    Klaus Flunkert (Mittwoch, 15 November 2017 17:26)

    Liebe Sonja, das ist ein gefühlvoller und nachdenklicher Bericht. Er hat mich sehr berührt. Deine Botschaft ist angekommen und ich hoffe, dass sehr viele Menschen diesen Bericht lesen. Daraus kann man viel lernen. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und viel Glück.
    Klaus

  • #14

    Dieter Hurlin (Donnerstag, 16 November 2017 14:36)

    Ehrgitz, Leischtigswille unn dann nooch gut schriibe ! Ganz de Papä!
    Herzliche Gratulation dem tollen Ehepaar!
    Jacqueline��Dieter

  • #15

    Christoph Stackmann (Sonntag, 03 Dezember 2017 21:16)

    Herzlichen Glückwunsch!!!!

  • #16

    Peter Mooseder (Donnerstag, 21 Dezember 2017 18:57)

    du sprichst mir aus der seele... laufen ist einzigartig und war für mich immer ein ausgleich im beruf und in meiner freizeit. Leider ereilte mich vor 4 jahren ein irreparabler knorpelschaden durch zu viel sport (fußball, joggen, squashen, badmintion und tennis) und ich mit dem laufen auf teer- und waldwegen aufhören musste. Ich hoffe dass die medizin in ein paar jahren so weit ist, dass ich noch mal mit dem laufen anfangen kann. danke für deine offenheit und deiner positiven einstellung, damit machst du vielen menschen große hoffnung in sachen sport und hier exemplarisch natürlich was das laufen betrifft. ich wünsche dir alles gute für die zukunft und das der spass am sport dir nie abhanden kommt.

  • #17

    Rudolf Koscher (Freitag, 05 Januar 2018 20:18)

    Liebe Sonja,
    ich lernte Dich und Deinen Mann in Stockholm kurz vor Beginn des Marathonstarts für "ein paar Minuten" kennen und lese seither so ziemlich jeden Blog von Dir.
    Dein Erzählen berührte mich sehr.
    Euch beiden alles Gute + Lebensglück!
    PS: Ich bin mir nicht sicher ob Du besser läufst oder schreibst! ;)

  • #18

    Rosa Jost (Samstag, 20 Januar 2018 14:32)

    Das du an diesem Gedanken teilhaben lässt ist großartig. Vielen Dank dafür. Momente die uns demütig werden lassen
    das Leben ist schön. Wir müssen es nur zulassen. Alles Gute für dich.