Der Rennsteig Supermarathon 2017

Der nächste Schritt zur Ultraläuferin...

Also mit dem Ultralaufen ist das so: Beim Marathon springt man in einen großen See und schwimmt so schnell man kann rüber zum anderen Ufer. Der Weg ist weit und nicht jeder kann das hohe Anfangstempo bis zum Schluss halten, aber man kommt – wenn man gut trainiert hat – in der Regel ganz gut auf der anderen Seeseite an. Beim Ultralaufen springt man in einen Ozean. Man hat einen Rettungsring um den Bauch. Nennen wir diesen Rettungsring „Komfortzone“. Man paddelt los und bald sieht man weder das Festland, von dem aus man gestartet ist, noch den anderen Kontinent, auf den man will. Man klammert sich an seine Komfortzone und macht weiter und weiter und weiter, denn so mitten im Ozean will niemand stehen bleiben. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis man das Ziel in der Ferne erahnt, aber man weiß, dass man nicht stillhalten wird, bis man nicht dort ist. Die zurückgelegte Strecke ist nun schon weiter, als das, was noch vor einem liegt und irgendwann erreicht man das Ziel. Aus dem Rettungsring ist etwas Luft entwichen, aber er hat einen sicher durch die raue See gebracht. Vielleicht schafft man damit sogar ein noch größeres Meer?

 

 

 

Der Rennsteig Supermarathon 2017

 

Meine Athletin, Kundin und mittlerweile Freundin Beate Bonnaire, die im letzten Jahr mehr oder weniger spontan in starken 7:20h den legendären Rennsteig mit seinen 73,5 Kilometern gefinisht hat, schenkte mir schon vor langer Zeit die Startnummer zum diesjährigen Supermarathon. Sie hat sogar darauf geachtet, dass ich meinen Geburtstag auf der Brust tragen durfte und so stand ich mit der Nummer 1403 am 20. Mai 2017 um 6:00 Uhr auf dem Marktplatz von Eisenach an der Startlinie. Mit mir rund 1800 weitere Ultraläufer und neben mir Beate, die mich schon die Tage vorher bestens mit Hintergrundinformationen und Streckendetails versorgt hatte. Ich hatte mehrere Berichte im Vorfeld gelesen, mir das Höhenprofil genau angeschaut, mich angesichts der vielen und hochgelobten Verpflegungsstellen gegen eine Eigenverpflegung entschieden und aufgrund des sensationellen Wetters nur eine kurze Hose, ein Shirt, den Hoka Clifton und eine Kappe an. Trotz gewissenhafter Vorbereitung hatte ich außerdem eine Menge Respekt im Gepäck und vorsorglich meinen IPod in der kleinen Hosentasche, um Zwischentiefs überbrücken zu können.

 

Startschuss und los… Beate hatte mir geraten, den Start nicht zu verbummeln, um beim ersten Anstieg, wenn es etwas eng auf der Strecke wird, nicht im Gedrängel zu verenden. Also lief ich im 4:30er Tempo durch die Fußgängerzone raus aus Eisenach, drei, vier Frauen vor mir, Beate hinter mir. Einen richtigen Plan hatte ich nicht, nur den Traum, in ca. sieben Stunden das Ding zu schaffen. Nach kurzer Zeit sprach mich eine Dame an, wir kannten uns von Facebook, aber ich hatte Britta bisher nie getroffen. Wir quatschten auf den ersten 12 Kilometern mehr oder weniger ununterbrochen, was ich toll fand. Britta hatte schon acht Mal den Rennsteig gefinisht, ihre beste Zeit war um die 6:30h und sie war damals dritte Frau geworden. Wow, ich war beeindruckt und dankbar, eine so erfahrene Läuferin neben mir zu haben. Der gefürchtete Anstieg bis Kilometer 25 kam mir bei Weitem nicht so schlimm vor. Im Gegenteil, ich hatte sogar eher das Gefühl, wir liefen mehr runter als rauf. Ich rollte so im 5:15er Schnitt vor mich hin. Runter lief es auch mal schneller, rauf auch mal langsamer, aber beim Rauflaufen schaute ich absichtlich nie auf die Pace, sondern achtete einfach nur darauf, dass ich in meiner Komfortzone blieb. Die Steigungen waren alle sehr gut zu laufen, zwar mit kleinen Schritten, aber ich kam nie aus dem Trott. Gerade sagte ich zu Britta, dass ich uns eigentlich ein bisschen zu schnell finde, da verschwand sie nach hinten und ich lief auf die beiden Mädels vor mir auf. Zu meinem Erstaunen ließ ich auch die Zwei bald hinter mir und rollte weiter. Ich brauche immer Etappen und Zahlenspiele. Da 73,5 so seltsam zu rechnen ist, entschied ich mich dazu, bei Kilometer 12,5 das Sechstel zu feiern und Kilometer 25 als Drittel anzustreben. Die Verpflegungsstellen ließ ich links liegen, denn mir ging es so gut, dass ich Angst hatte, mit einer Banane oder einem Schluck Haferbrei dieses Gefühl zu zerstören. Aber mir war klar: „So geht das nicht weiter, Sonja. Irgendwann musst Du essen!“ Hatte mir um 5:00 Uhr beim Frühstück etwas Guaranapulver ins Müsli gekippt und die zweite Hälfte des Pulvers trug ich nun in einem kleinen Tütchen mit mir, um es mir später in den von Beate angepriesenen Haferschleim zu kippen. Doch noch bildete ich mir ein, die Wirkung der Frühstücksportion zu spüren und wollte es dabei belassen. Britta hatte mir schon gesagt, dass es später einsam werden würde, aber ich lief ohnehin gerne alleine. Es gab keine Gruppe für mich und bis auf kurze Sätze wie: „Ist das nicht schön hier?“ tauschte ich nichts mit immer wieder auftauchenden Mitläufern aus. Jeder hatte, obwohl wir schon über 30 Kilometer hinter uns hatten, ein glückliches Grinsen im Gesicht, mich eingeschlossen. Bei Kilometer 37,5 sprechen alle von der Hälfte, was in mein Zahlenspiel passte. Hier nahm ich mir vor, zum ersten Mal was zu essen. Zückte schon vor der Verpflegungsstelle mein Guarana-Tütchen und kippte es komplett in den Becher mit dem rosafarbenen Haferschleim. „Zaubermittel!“, sagte ich zu der verdutzten Dame am Stand und kippte mir den Becher in den Mund. Lecker! Sehr lecker! Sehr, sehr lecker! Und weiter… Zeit für Musik, zwo, drei… Fummelte mir schrecklich umständlich den IPod aus der Tasche, steckte mir die Kopfhörer ins Ohr, knipste den Beat an und war von jetzt auf gleich im Rausch. Juhu, endlich Disco! Ich verrate meine peinliche Playlist nicht, aber ich kann Euch sagen: Musik belebt, beflügelt, lenkt die Gedanken endlich mal weg von Zahlen und Strecke einfach hin zu wilden Träumereien. Ich lief im Rhythmus und ließ es geschehen, dass ich einen Läufer nach dem anderen überholte, dass mein Grinsen immer breiter wurde, dass hier und da Songtextfetzen durch den Wald hallten.

 

Marathon in 3:50h, bald Kilometer 45, noch mal ein Tässchen lecker Haferschleim und ein mutiger Biss in eine Zitrone, weiter zu Kilometer 50 und schon konnte ich die Kilometer einstellig runter zählen, denn bei Kilometer 60 wartete nicht nur der höchste Punkt, sondern wie verabredet auch mein Mann, bis zu dem ich mich von der Musik tragen lassen wollte. Laut Publikum und Streckenposten lag ich mittlerweile auf Platz 3 bei den Damen. Wahnsinn! Hatte es zwar nicht drauf abgesehen, aber diese Tatsache in Kombination mit dem super Zeitplan, der ein Finish unter sieben Stunden locker versprach, machte mich zusätzlich fröhlich. Ungefähr bei Kilometer 55 griff ich noch mal einen Becher Haferschleim und nahm die letzte richtige Steigung in Angriff. Und tatsächlich, am Ende des langen Anstiegs sah ich ihn. Mein Martin winkte mir zu und ich hob ebenfalls kurz aber voller Freude die Hand. Ich zog die Musikstöpsel aus dem Ohr und es wurde schlagartig leise. Oh Gott waren meine Schritte laut, mein Atem war zu hören, ich kam mir total langsam vor beim Rauflaufen und an die neue Situation mit Martin an meiner Seite musste ich mich erst mal gewöhnen. Irgendwie kam in wenigen Minuten alles zusammen: Der Anstieg war doch noch ganz schön lang, ich spürte zum ersten Mal sowas wie Erschöpfung, das leichtfüßige Laufen von Martin führte mir vor Augen, wie schwerfällig ich selbst unterwegs war, und ich ließ meinem Entsetzen über all das freien Lauf. Armer Martin, denn ich hätte ihm lieber die Gute-Laune-Sonja präsentiert, aber zum Glück habe ich einen klugen Mann, der wusste, dass man sich bei Kilometer 62, 63, 64 nicht besonders prickelnd fühlt und nahm ganz toll Rücksicht auf meine Stimmung. „Mach weiter Dein Ding. Du machst das super. Aber komm weiter. Auf geht’s.“ Mit Zuckerbrot und Peitsche schob er mich über den höchsten Punkt und half mir über den Wurzelweg, der mir bei aufkommender Unterzuckerung plötzlich krasse Probleme bereitete. Obwohl es von nun an stetig bergab ging, konnte ich kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Ich sah schlecht, spürte meine Beine kaum, hatte Koordinationsprobleme und Angst, dass mir gleich die Beine wegsacken. Wow, was war da los? Zucker! „Ich brauche Zucker.“, sagte ich leise, aber mit Nachdruck. Die letzte große Verpflegungsstelle war nicht mehr weit, aber ich konnte es kaum erwarten. Ich schaute einfach nur auf Martins Schritt und setzte meinen Fuß immer genau hinter seinen, bis wir endlich an der Verpflegung waren. Ich blieb stehen, griff einen Becher Haferschleim, schlang ihn runter, quetsche eine Banane dazwischen und fühlte mich augenblicklich wie im Paradies. Wie kann etwas so Einfaches so unglaublich gut schmecken? „Du hast einen Schnurrbart. Komm weiter!“ Ich liebe meinen Mann. Auch, wenn ich seinen Spruch kurze Zeit später für einen Scherz hielt: „Da kommt eine Frau von hinten!“ „Ja, ja, Du willst nur, dass ich schneller laufe…“ „Nein, wirklich! Die kommt immer näher.“ Tatsächlich, da war keine 100 Meter hinter mir eine blonde Dame zu sehen, die eine Aufholjagd auf den dritten Platz gestartet hatte. Zeitgleich mit diesem Anblick zündete die Banane mit dem Schleim und Sonni hatte ihre Energie wieder zurück. „Alles klar, dann kämpfe ich jetzt um meinen dritten Platz!“ Niemals hätte ich gedacht, dass man mit 68 Kilometern in den Beinen noch so dynamisch laufen kann. Klar, das Gefälle half enorm, aber ich war schon stolz, dass wir den 71. Kilometer in 4:32 min/km liefen. Martin, der Wettkämpfer, drehte sich immer wieder um: „Nichts zu sehen. Du hast sie abgehängt.“ Trotzdem lief er immer drei Schritte vor mir, weil er Angst hatte, ich könnte mich auf meinen Lorbeeren frühzeitig ausruhen. Aber ich war mittlerweile im Ziel-Tunnel und hatte nicht vor, das Tempo zu drosseln. Ab nach Hause! Wie wichtig es war, am Tempo dran zu bleiben, sah ich wenig später, als die Viertplatzierte nur wenige Sekunden und sogar mit exakt gleicher Netto-Zeit nach mir einlief. Aber vorher genoss ich den Einlauf in das angeblich „schönste Ziel der Welt“ in vollen Zügen. Brach ich vor einigen Wochen nach der Ameländer-60-Kilometer-Wind-und-Wetter-Schlacht noch in Tränen aus, konnte ich im Ziel des Rennsteig Supermarathons einfach nur strahlen, jubeln, lachen und mich aus vollem Herzen freuen.

 

Ich hatte es geschafft. Noch nie im Leben war ich zuvor so eine lange Distanz gelaufen und ich kann kaum glauben, wie gut es für mich gelaufen war. Da hatte ich wahrlich schon schlimmere Schlachten geschlagen, als diese hier. Und doch verbuche ich meine Zeit von 6:41:38h, meinen Altersklassensieg und den dritten Platz bei den Frauen beim Rennsteig Supermarathon 2017 als einen meiner größten Lauferfolge. Als Beate nur zehn Minuten nach mir als fünfte Frau über die Ziellinie lief, war mein Glück komplett. Die Siegerin der AK 50 ist ein absolutes Lauftalent und ich bin unendlich stolz auf diese mutige, tapfere und starke Athletin. Dass der Rennsteig eine ganz besondere Veranstaltung mit liebevoller Organisation und traditionsreichen Aspekten ist, muss ich an dieser Stelle nicht ausführen, denn das liest man zu Recht schon überall. Dass ich Beate dankbar für den Startplatz bin, versteht sich von selbst. Trotzdem noch mal an dieser Stelle: DANKE BEATE!!! Dass mein Mann der Beste auf der ganzen Welt ist, möchte ich ihm jeden Tag sagen. Dass ich allerdings vorhabe, in drei Wochen noch mal einen drauf zu setzen und die 100 Kilometer von Biel anzugehen, muss ich erst noch mal mit meinen Knien diskutieren, die gleich hinter der Ziellinie losgejammert haben. Aber wenn nicht jetzt, wann dann?!?

 

Voher- und Nachherbilder

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Kommentare: 5
  • #1

    Gisela Lammers (Montag, 22 Mai 2017 07:12)

    Ich Gratuliere dir herzlich zu deinem Erfolg. Dein Bericht ist spitze , hast alle deine km toll beschrieben . Einfach schön geschrieben wie du und dein Körper den Lauf erlebt haben.
    Liebe Grüße Gisela aus Groß - Umstadt vielleicht erinnerst du dich an mich.

  • #2

    André Kirmse (Montag, 22 Mai 2017 11:54)

    WOW ! Respekt !! Und Glückwunsch !!!
    Nach dem ich letztes Jahr meinen 1. Marathon lief (mit 41 Jahren inkl. 5 Jahren „Lauferfahrung“ in den Beinchen) und dabei mein persönliches Waterloo erleben „durfte“ brauchte ich dringend jemanden der mir Hilft… da entdeckte ich „Das neue Marathontraining“ und es half mir von 3:45 im Frühjahr 16‘ zu 03:18 im Herbst 16‘ zu 3:05 im April 17‘ … ich hoffe, in den nächsten Jahren fällt die 3 ;-)
    Dass ich vergangenen Samstag quasi deine Profilabdrücke über 73,5 km bewundern durfte, macht mich glattweg stolz! Der Rennsteiglauf gewinnt noch mehr an Attraktivität und Kultstatus dank sympathischer Top Läuferinnen wie dich! Sonja von Opel in der Starterliste… gibt es eine bessere Laufmotivation? Nee!
    Nochmals Hochachtung vor deiner bewundernswerten Leistungsentwicklung, deinem Willen und allen voran dafür, dass du uns an all deinen Erfahrungen und Eindrücken teilhaben lässt!
    Liebe Grüße aus Sachsen

  • #3

    Beate Bonnaire (Montag, 22 Mai 2017 17:00)

    Danke, liebe Sonja, für die viele liebevollen Worte für mich!
    Ergänzend kann ich noch zufügen: Es war ein Geburtstagsgeschenk für Deinen besonderen Ehrentag im letzten Jahr und ich habe das Glück als Schenkende, dass Du Dich nun zweimal darüber freuen konntest.
    Für mich war es auf den 73,5 km ein enormer Ansporn Dich vor mir zu wissen. Ich wollte Dich ja nicht allzu lange im Ziel warten lassen! Und kann sich hier jemand vorstellen, wie herrlich es ist, wenn nach den 73,5 km eine strahlende Sonja mit offenen Armen im Ziel steht und Dich in Empfang nimmt?
    Schmiedefeld bleibt damit das schönste Ziel der Welt!

  • #4

    Thomas Belting (Dienstag, 13 Juni 2017 13:11)

    Liebe Sonja,

    Mega Respekt.
    Es geht noch mehr und immer mehr.
    Ein Bekannter von mir hat 236km in 53 Std. gelaufen.
    Viel Freude weiterhin bis bald
    Thomas

  • #5

    Thomas Ruser (Donnerstag, 15 Juni 2017 19:38)

    Liebe Sonja,
    meinen tiefen Respekt zu Deiner tollen Leistung und Herzlichen Glückwunsch dazu!! Danke auch dafür,das Du uns in Deinem Bericht mit auf die Strecke genommen hast.Besonders die Einleitung hat mir sehr gefallen.

    Wünsche Dir viel Glück für Biel und das Deine Knie Dir wieder gehorchen ;)

    Alles Gute!

    Thomas