Das Ultradebüt!

Endlich 40, endlich Ultra – Der Wörthersee Ultralauf

Als ich in den letzten Jahren meiner Jagd auf Marathonbestzeiten nur noch mühsam schneller wurde, habe ich oft gesagt: Das ist alles nur Vorbereitung, wenn ich 40 Jahre alt bin, dann will ich endlich Ultra laufen. Im März wurde ich 40, aber leider durchkreuzte mein Bänderriss vom Februar mein Vorhaben, die 100 Kilometer von Biel anzugehen. Als ich dann im Mai, Juni schon wieder ganz gut laufen konnte, kam der Wunsch in mir auf, in dieser Saison wenigstens einen kleinen Ultralauf als Debüt zu planen. Ich lies mich von erfahrenen Ultra- und Trailläufern beraten, welche Strecke wohl was für mich wäre. Über 50 Kilometer sollten es sein, wenige Höhenmeter, schöne Runde, gut zu laufen. Die Wahl fiel auf den im September stattfindenden Wörthersee Ultralauf vom Veranstalter „Trail Maniak“: 62 Kilometer mit rund 1650 Höhenmetern! Danke Barbara Schulz. Toller Tipp!

 

Der Superspätsommer hat sich pünktlich einen Tag vor dem Start verabschiedet, ich gucke vom Balkon des mondänen Parkhotels in Pörtschach auf die tiefhängenden Wolken über dem Wörthersee und fühle mich wie eine amerikanische Touristin in den 60er Jahren, die sich heute einem abenteuerlichen Ausflug rund um diesen See anschließen wird. Mit anderen Worten: Irgendwie ist alles surreal und ich will gar nicht denken, ich will endlich loslaufen.

 

Es regnet nicht am Start, aber kaum sind wir am Congress Center Wörthersee losgelaufen und begeben uns über Treppenstufen in den Wald hinauf, beginnt es zu tröpfeln. Eigentlich war mein Plan, den Puls bis Kilometer 20 um die 140 Schläge zu halten, bis Kilometer 40 dann um die 150 Schläge und erst ab dann will ich die Leinen loslassen. Aber hey, schon an der ersten Treppe ist der Puls bei 160 Schlägen. Es geht schnell wieder runter und wieder rauf. Und wieder runter und wieder rauf. Dann schlängelt sich hier und da mal ein traumhafter Trail durch den Wald und dann geht es wieder rauf, runter, rauf, runter… Keine Chance den Puls unter 160 zu bekommen. Außerdem fühle ich mich super. Leichte Beine, gute Puste, perfekter Schuh mit dem Dynafit Feline Vertical Pro und beste Laune trotz immer stärker werdenden Regens.

 

Da ich vom Start weg erste Frau bin, bin ich irritiert. Bin ich doch zu schnell? Viel zu schnell? Ich quatsche einen Mitläufer an, ob er die Strecke kennt, ob es noch technischer wird, ob er mir rät, vorsichtiger zu sein, obwohl ich mich so super fühle. Ich bekomme eine detaillierte Streckenbeschreibung und den Tipp, einfach so weiterzulaufen, denn ich mache einen starken Eindruck. Da taucht eine Dame auf und ich lasse sie gerne vorbei, um mich mal ein bisschen an ihr orientieren zu können. Der Regen wird immer stärker und die Trails verwandeln sich in kleine Bäche. Wir platschen und hüpfen unentwegt über und vor allem durch Matschlöcher und Riesenpfützen und ich finde es herrlich. Teilweise sind die Wege sehr technisch, viele Wurzeln, viele Steine und ich bin begeistert, wie gut ich damit zurechtkomme. Hab wohl doch was gelernt bei der Alpenüberquerung. Irgendwann prasselt der Regen so stark auf uns runter, dass ich beschließe meine Jacke anzuziehen. Wie ein Profi zaubere ich sie beim Laufen mit einem Handgriff aus dem Rucksack und ziehe sie einfach darüber an. Sitzt, passt und schützt mich vor dem Auskühlen. Perfekt!

 

In Velden laufen wir ein ordentliches Stück Asphalt und ich kann super locker 4:50er Tempo rollen. Die erste Verpflegungsstelle lasse ich aus. Wasser habe ich genug und meine selbstgemixte Nuss-Mischung mit Kokosöl, Honig und Zimt reicht vom Energiegehalt für drei Wüstendurchquerungen. Ich rolle so gut über den Asphalt, dass ich auf die führende Dame wieder auflaufe und sie sogar am nächsten Anstieg überhole. Es geht nun die intensivste Steigung auf den Pyramidenkogel rauf und es läuft bei mir. Auch oben die Verpflegungsstelle lasse ich aus und renne gleich wieder runter. Für einen Kilometer laufen wir den gleichen Weg zurück, den wir hochgekommen sind, ich kann dabei fast zwei Minuten Vorsprung auf meine „Gegnerin“ Veronika ausmachen und stelle erstaunt fest, dass sogar die dritte und vierte Frau sehr weit hinten liegen. „Wow, das kann ein Treppchenplatz werden…“ denke ich bei Kilometer 30 und bekomme kurz darauf eine Ohrfeige von meinem Körper. Hochmut kommt vor dem Fall!

 

Veronika überholt mich wieder und ich stelle fest, dass die Energie, die mich eben noch so souverän bei Wind und Wetter über jeden Trail getragen hat, meinen Körper blitzartig verlässt. Schmerzen machen sich breit, vor allem in der Hüfte. Auf jeder Seite. Die Füße sind müde. Der Magen mault, weil die Nussmischung zu fettig ist, die Laune schießt in den Keller. Hallo? Es ist grad mal die Hälfte geschafft. Na gut, es hilft ja nix. Jetzt kämpfe ich mich mal bis zur Marathonmarke. Immer wenn es raufgeht, erlaube ich mir zu gehen. Oben wird wieder angetrabt, aber das geht nur mit schmerzverzerrtem Gesicht. Was ist denn bloß mit meiner Hüfte los? Die Schuhe! Es sind die viel zu flachen Schuhe, die zwar für kurze Bergetappen super sind, aber jetzt brauche ich Dämpfung. Ich will meine Hoka Schuhe! Hilfe!!!

 

Das Gelände der zweiten Hälfte kommt meinem Zustand entgegen. Es geht ständig kurz rauf, oben einen hübschen Trail entlang, dann knackig runter und wieder rauf. In Klagenfurt laufen wir einen längeren Abschnitt flach auf Asphalt und das ist die Hölle, weil sich dann die Schmerzen immer weiter zu ziehen, aber dieses Auf und Ab hilft, weil ich mit der Gangart spielen kann. Es geht langsam voran. Aber es geht voran. Marathon in ca. 4:20h, Kilometer 50, Kilometer 55, es dauert alles seine Zeit, aber ich komme vorwärts und ich wundere mich trotz meines Schneckentempos, dass mich keine weitere Dame überholt. Hier geht es für mich nur noch ums Überleben. Ich will einfach ankommen. Nach uns sind noch weitere, kürzere Wettbewerbe auf die Strecke gestartet und so klemme ich mich hier und da an einen Challenge-Läufer oder lasse mich von einem vorbeiflitzenden Sprinter inspirieren, mal wieder ein bisschen leichtfüßiger zu laufen. Gelingt nicht wirklich, aber der Versuch hilft beim Zeitvertreib und schon wieder ist ein Stück Weg geschafft.

 

Ich höre schon den Zielsprecher, obwohl wir noch mitten im Wald rumkriechen. Aber es geht merklich mehr ab als auf. Und dann laufen wir nur noch auf Asphalt. Ich bin in Pörtschach. Auf meiner Uhr sehe ich zum ersten Mal „60 Kilometer“. Es ist nicht mehr weit und ich liege tatsächlich immer noch an zweiter Stelle. Es tut alles weh, aber es ist gleichzeitig ein großartiges Gefühl. Die Wörtherseetouristen klatschen und feuern mich an, ich biege auf die Zielgerade ein und bin nach 6 Stunden und 55 Minuten im Ziel meines ersten Ultralaufs. Der Veranstalter Mario Schönherr drückt mich und ich breche in Tränen aus. Nein, ich bin nicht der Typ, der lacht, jubelt, schreit, wenn ihn große Gefühle überwältigen. Ich weine dann. Einmal kurz und heftig. Es ist wie ein Nachinnenkehren und Danke sagen. Danke an meinen Körper, dass er trotz schmerzender Warnsignale einfach weiter mitgemacht hat. Danke an meinen Kopf, der niemals aufgeben wird. Danke an den lieben Gott, der mich immer behütet und beschützt und mir damit die Kraft und den Mut gibt, mich in solche Abenteuer zu stürzen und heil aus ihnen hervorzugehen.

 

Veronika hat mir eine halbe Stunde abgenommen und ist insgesamt auf Platz 11. Ich bin die zweite Hälfte 45 Minuten langsamer gelaufen, als die erste Hälfte, konnte aber trotzdem auf Platz 24 von 112 Finishern und etlichen DNFs landen. Beim nächsten Mal trage ich Hoka Schuhe und laufe langsamer los. Und ansonsten mache ich alles genau so wieder!

 

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Kommentare: 8
  • #1

    Martin Kloska (Sonntag, 18 September 2016 12:10)

    Welcome in der neuen AK

  • #2

    Rudi (Sonntag, 18 September 2016 15:02)

    Gratulation!

  • #3

    Nicole Sassenberger-Peters (Montag, 19 September 2016 09:43)

    Super .... Gratulation :-)

  • #4

    Jörg (Dienstag, 20 September 2016 09:23)

    Stark Sonja!!!! Gratulation

  • #5

    Martina K. (Dienstag, 20 September 2016 17:42)

    Well done!

  • #6

    Marcus (Donnerstag, 22 September 2016 16:01)

    sehr schön geschrieben und gratulation zum lauf!

  • #7

    Tanja Ernst (Donnerstag, 22 September 2016 21:22)

    Sonja, du bist Ultra-Sensationell!!!
    Laufe bitte immer so herzlich ehrlich weiter und berichte so herzerfrischend, das ist LAUFFREUDE zum nachmachen!!!

  • #8

    Daniela (Freitag, 23 September 2016 07:15)

    Liebe Sonja, ich bin megastolz auf dich!! Super!!
    Das motiviert einen selber immer wieder!!
    Weiter so.............